Pressemitteilung

150 neue Kraftwerke: Das kostet der Netzausgleich, sollte die EU ihre Ziele für E-Autos drastisch senken

8. Juni 2026

Das europäische Stromnetz könnte zum größten Verlierer werden, sollte die EU ihre Flottengrenzwerte für Pkw weiter abschwächen. E-Autos sind nämlich dabei, als „Batterien auf Rädern“ den Stromsektor grundlegend zu verändern. Wird der Hochlauf von E-Autos ausgebremst, dann fehlt im Stromnetz Speicherkapazität, um überschüssige Wind- und Sonnenenergie aufzunehmen und in Zeiten hoher Stromnachfrage wieder einzuspeisen. EU-Länder müssten laut einer neuen Studie weitere Kapazitäten zur Stromerzeugung im Umfang von 150 zusätzlichen Kraftwerken bereitstellen, um diese Lücke zu schließen. [1]


Fraunhofer ISI hat für T&E untersucht, wie das Potenzial der Vehicle-to-Grid-Technologie (V2G) in der EU abgeschwächt werden würde, sollten die Flottengrenzwerte verwässert werden. V2G oder auch Bidi (Bidirektionales Laden) ermöglicht E-Autos, bei Stromengpässen Energie zurück ins Netz zu speisen. Der europäische Verband der Automobilindustrie ACEA fordert, die CO2-Flottengrenzwerte für Pkw abzuschwächen. Das würde dazu führen, dass im Jahr 2040 49 Millionen E-Autos weniger auf europäischen Straßen unterwegs wären. Die Bundesregierung hat im April 2026 ähnliche Forderungen formuliert, die die Elektromobilität erheblich ausbremsen und zusätzliche Milliardenkosten für Ölimporte verursachen würden.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass weniger E-Autos dazu führen würden, dass große Mengen an überschüssiger Energie verschwendet und der zusätzliche Ausbau neuer Photovoltaikanlagen um mehr als ein Drittel zurückgehen würden. Zwischen 2025 und 2040 würden in der EU 37 Prozent weniger neue Photovoltaikanlagen (-51 GW) installiert werden, wenn die CO2-Flottengrenzwerte wie von ACEA gefordert abgeschwächt würden.

Friederike Sommerfeld, Senior Referentin E-Mobilität bei T&E Deutschland, sagt: „E-Autos können wie ein kontinentgroßer Schwamm wirken, der überschüssige Solar- und Windenergie aufnimmt und bei Bedarf wieder ins Netz einspeist. Die schon 2019 beschlossenen Flottengrenzwerte nun weiter abzuschwächen, würde dieses Potenzial erheblich einschränken, weil weitaus weniger Batteriespeicherkapazitäten in Form von E-Autos zur Verfügung stünden. Das würde die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien beeinträchtigen und den Ausbau der Solarenergie bremsen.“

Ohne diese zusätzlichen Millionen Autobatterien, die überschüssige Wind- und Solarenergie speichern, würde Europa bis 2040 jährlich 6 TWh erneuerbaren Stroms zusätzlich abregeln müssen. Wind- und Solarparks werden in Zeiten hoher Produktionvom Netz genommen, wenn die Stromnachfrage zu gering ist und nicht genug Speicherkapazitäten zur Verfügung stehen. Die Forderungen der ACEA würden dazu führen, dass 25 Prozent mehr Strom aus erneuerbaren Energien abgeregelt werden müsste, als wenn die Flottengrenzwerte beibehalten würden.

Das Stromsystem müsste in Zeiten hoher Stromnachfrage zusätzliche Erzeugungskapazitäten bereitstellen. Wenn weniger E-Autos in das Netz einspeisen, würde Europa ein Drittel mehr Reservekapazität (+13 GW) benötigen, als wenn die aktuellen Flottengrenzwerte beibehalten würden. Das entspricht dem Bau von 150 zusätzlichen Spitzenlastkraftwerken. Dabei entfallen auf Deutschland 8 GW an Reservekapazitäten bzw. 100 der Spitzenlastkraftwerke.

Europa müsste jährlich zusätzlich 4 Milliarden Euro für die Modernisierung und den Ausbau seiner Netzinfrastruktur aufwenden, sollten die Flottengrenzwerte abgeschwächt werden. Es müssten stärkere Stromleitungen und mehr Transformatoren installiert werden, um die höheren Lasten zu bewältigen, da es weniger E-Autos gibt, die bei Nachfragespitzen Strom vor Ort bereitstellen könnten.

T&E fordert, die aktuellen Flottengrenzwerte für Pkw beizubehalten. Bei Erreichen der Ziele könnten durch E-Autos jährlich 27,9 Milliarden Euro Kraftstoffkosten eingespart werden. Während jedoch die Flottengrenzwerte dafür sorgen, dass genügend E-Autos für V2G zur Verfügung stehen, muss auch der Tatsache Rechnung getragen werden, dass die meisten neuen E-Autos derzeit nicht mit sämtlichen V2G-Systemen kompatibel sind. Die EU-Omnibus-Verordnung für den Automobilsektor sollte daher vorschreiben, dass alle neuen E-Autos ab 2032 über interoperable und bidirektionale On-Board-Ladevorrichtungen ausgestattet sein müssen.

Friederike Sommerfeld sagt: "Durch die hohen Ölpreise sind Energiesicherheit und der Übergang zu erneuerbaren Energien für die EU dringender denn je geworden. Doch die Energiewende verteuert sich erheblich, wenn die Flottengrenzwerte abgeschwächt werden. Stehen weniger E-Auto-Batterien als flexible Speicher zur Verfügung, müssen weitere Milliarden für neue Kraftwerke und Energiespeicher ausgegeben werden, weil Investoren den Ausbau der Solarenergie nicht im gleichen Umfang vorantreiben werden. Jetzt an den Flottengrenzwerten zu sägen, gefährdet nicht nur die Dekarbonisierung des Straßenverkehrs, sondern auch ein zentrales Fundament der künftigen Energiesicherheit Europas.

ENDE

Hinweis für die Redaktion:

[1] Unter Verwendung der „Gas Database“ von Beyond Fossil Fuel betrug die durchschnittliche Leistung der Spitzenlastkraftwerke (unter Berücksichtigung nur jener Gasturbinen mit offenem Kreislauf, die nicht vor 2040 stillgelegt werden) 86 MW.