HVO wird als nachhaltig vermarktet. Der Kraftstoff ist aber ein fragwürdiger Mix. Was steckt also wirklich drin?
„Ich glaube, dass ich mehrere Ladungen natives Palmöl gekauft habe, das fälschlicherweise als Palmölschlamm klassifiziert wurde“ Whistleblower und ehemaliger Biokraftstoffhändler – BBC News
HVO (auf Englisch: Hydrotreated Vegetable Oil) wird oft als saubere Alternative zu Diesel vermarktet, die angeblich hohe Emissionseinsparungen ermöglicht, da sie vermeintlich aus Abfällen und Reststoffen hergestellt wird. Insider äußern jedoch ernsthafte Bedenken über Betrugsfälle in der Branche. Ein großer Teil der HVO-Rohstoffe stammt nämlich aus Ländern, in denen Nachhaltigkeit nur unzureichend überwacht wird und der Verdacht auf Betrug groß ist.
Wie nachhaltig der HVO-Mix ist, hängt von seiner Zertifizierung auf dem Weg in deinen Tank ab. Bevor du also umsteigst: Weißt du, woher dein HVO kommt?
HVO wird aus einer Mischung von Ölen und Fetten hergestellt, die von einem Netz globaler Lieferanten importiert werden. Die Rohstoffe werden dann auf ihrem Weg als Abfall oder Reststoffe zertifiziert, was ihre Nachhaltigkeit bescheinigt. Die tatsächliche Herkunftsüberprüfung der Rohstoffe findet jedoch an Orten statt, an denen die Kontrollen schwach sind. Daher ist es schwer nachzuprüfen, wie glaubwürdig Angaben zur Nachhaltigkeit tatsächlich sind. Wenn das HVO erst einmal gemischt und verarbeitet ist, lässt sich physikalisch nicht mehr feststellen, ob der Kraftstoff aus echtem Abfall oder aus neuen, nicht nachhaltigen Ölen hergestellt wurde.
Die Klimavorteile hängen allein davon ab, ob diese Rohstoffe tatsächlich Abfall oder Reststoffe sind. Aktuell ist das meist unklar. Während HVO früher hauptsächlich aus Palmöl und Palmderivaten (PFAD) hergestellt wurde, sind heute seine drei wichtigsten Rohstoffe gebrauchtes Speiseöl (UCO), Abwasser von Palmölmühlen (POME) und tierische Fette (AF). Alle drei gelten als Abfallprodukte. Aber alle drei stehen in den Ländern, aus denen sie stammen, unter kritischer Beobachtung.
„Sie müssen sich auf Zertifizierungsunternehmen in China verlassen, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung ist, aber China lässt keine Inspektoren von außerhalb zu.“ Dr. Christian Bickert, Landwirt mit Erfahrung im Bereich Biokraftstoffe – BBC News
„Ich habe eines der Vorstandsmitglieder angerufen und von der Situation berichtet, woraufhin mir mitgeteilt wurde, dass man nichts unternehmen wolle, da die Beweise vernichtet würden.“ Whistleblower und ehemaliger Biokraftstoffhändler – BBC News
„Wir sind einfach nicht in der Lage, einen Überblick über die Lieferkette von HVO zu bekommen, der uns die Gewissheit geben würde, dass es sich wirklich um ein nachhaltiges Produkt handelt.“ Leiter für Nachhaltigkeit bei Balfour Betty, BBC News
Es besteht erheblicher Betrugsverdacht in diesem Sektor, da das Zertifizierungssystem unzureichend ist. Untersuchungen der BBC zufolge ist eine externe Überprüfung in einigen Ländern der Lieferkette schwierig, darunter China, Indonesien und Malaysia.
Das ist besorgniserregend, da diese Länder einen großen Teil der Rohstoffe liefern, die als Abfall oder Reststoffe für die HVO-Produktion deklariert werden.
Einige Insider haben bereits Alarm geschlagen, aber wenn Bedenken hinsichtlich betrügerischer Aktivitäten entlang der Lieferkette aufkommen, passiert nicht viel.
Unternehmen selbst haben keine Kontrolle über die Lieferkette. Einige von ihnen gehen einen Schritt in die richtige Richtung und verzichten aufgrund der mangelnden Zuverlässigkeit hinsichtlich Herkunft und Nachhaltigkeit auf die Verwendung von HVO.
Diese Berichte sind keine Einzelfälle und haben zu Ermittlungen und Razzien entlang der Lieferkette geführt.
Deutsche Aufsichtsbehörden haben einen Zusammenhang zwischen einzelnen Unternehmen und Unregelmäßigkeiten bei der Zertifizierung festgestellt. Sie zweifelten daran, dass die angegebenen Mengen an nachhaltigen Rohstoffen tatsächlich existierten.
Das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ist der Kern des Problems. Echte Altöle und Reststoffe wie gebrauchtes Speiseöl und tierische Fette sind sehr begrenzt verfügbar. Die Nachfrage ist hingegen hoch und steigt immer weiter. Der gemeldete Verbrauch einiger Rohstoffe wie Abwasser aus Palmölmühlen (POME) übersteigt bereits heute die Menge erheblich, die weltweit realistischerweise überhaupt gesammelt werden könnte. Wenn Abfall und Reststoffe nicht ausreichen, wird die Lücke mit anderen Stoffen gefüllt. Diese Lücke birgt das Risiko, dass native Öle und solche mit hohen Emissionswerten in die Mischung gelangen und fälschlicherweise als nachhaltig gekennzeichnet werden.
Selbst im besten Fall (unter der Annahme vollständig nachhaltiger Rohstoffe und ohne Unregelmäßigkeiten) halbiert der Einsatz von HVO die CO₂-Emissionen im Vergleich zu fossilem Diesel nur. Dabei werden indirekte Emissionen berücksichtigt.
Das französische Wirtschaftsministerium stellte keinen eindeutigen Umweltvorteil gegenüber Diesel fest, da die Emissionen am Auspuff gleich und die CO2-Einsparungen über den gesamten Lebenszyklus ungewiss sind.
HVO ist nicht nur hinsichtlich seiner Zusammensetzung und seiner Auswirkungen auf das Klima fragwürdig. Es ist auch teuer und kostet bereits mehr als Diesel.
Es gibt jedoch Alternativen. Bis 2030 werden E-Lkw in ihren Gesamtkosten (Kauf und Betrieb) günstiger sein als Diesel- und HVO-Lkw. Im Gegensatz zu HVO bietet die Elektrifizierung einen zuverlässigen Weg in die Zukunft.
Batteriebetriebene E-Lkw verursachen keine Abgasemissionen, reduzieren Lärm und Luftverschmutzung und werden mit der Zeit immer sauberer, je mehr erneuerbarer Strom im Netz ist. Sie sind nicht auf begrenzte Abfallrohstoffe, undurchsichtige Beimischungen oder globale Lieferketten angewiesen, die anfällig für falsche Kennzeichnungen sind.
Logistikunternehmen brauchen keine Emissionsreduktionen auf dem Papier, sondern eine echte Dekarbonisierung. Das können E-Lkw leisten.
HVO verspricht Dekarbonisierung, schafft aber Unsicherheit. Die Elektrifizierung schafft Gewissheit in Bezug auf Emissionen, Kosten und Glaubwürdigkeit. In einer Branche, die auf Vertrauen und Zuverlässigkeit basiert, ist das der entscheidende Unterschied.
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